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Nichts geht mehr im Land der Helveten... Die Sache ist ernst genug, dass sich über die schweizer Presse hinaus, die deutsch- und die französischsprachige, sogar die International Herald Tribune und die Berliner Tageszeitung mit ihr befassen und zwar mit diesen Überschriften: "Der Wahlkampf in der Schweiz macht die Gespaltenheit hinsichtlich der Ausländer deutlich" die erste und "Schweizer Rassisten spielen Unschuldslamm" die zweite... Am vergangenen Samstag (den 5. Oktober) verwandelten sich die für gewöhnlich ruhigen Gassen der Berner Altstadt in eine Krawallszenerie. Zunächst stießen Demonstranten der UDC/SVP (Union démocratique du Centre / Schweizerische Volkspartei) mit Vertretern der extremen Linken zusammen, die gekommen waren um mit denen, die sie als Mitglieder einer fremdenfeindlichen Gruppierung ansehen, abzurechnen . Bis dann die Polizei versuchte, alle Welt zusammen zu bringen.

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Die allgemeinen Wahlen finden in zwei Wochen statt und die UDC/SVP macht die Ausländer mit besonders virulenten Plakaten zum Wahlkampfthema: da sieht man auf einem solchen eine Fahne mit drei weißen Schafen und einem vierten, schwarzen, das von einem der anderen mit einem Fußtritt aus dem Feld gekickt wird. Der zugehörige Slogan ist eindeutig: "für mehr Sicherheit!". Die Schweizer Präsidentin, Micheline Calmy-Rey findet das Plakat widerlich und inakzeptabel. Ebenso hält sie die (unter uns gesagt äußerst kontra-produktiven) gewaltätigen Demonstrationen gegen die Populisten für absolut unzulässig. Es gab 21 Verwundete und zahlreiche Sachschäden.

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Die Ausländerfrage erregt seit langem das kleine Land, das symbolisch für Gastfreundschaft und Toleranz steht, und in dem man mindestens drei Sprachen spricht. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ergingen sich hier die Revolutionäre der ganzen Welt in homerischen Debatten und die Straßen Genfs sahen nicht selten Demonstrationen der "Arbeiteraristokratie" insbesondere der Uhrmacher. Die Schweiz war tatsächlich eines der ersten europäischen Länder auf dem Weg zur Industrienation und die überall verfolgten Adepten des Sozialismus fanden hier Zuflucht. Unter ihnen sah man insbesondere Russen, von denen die einen Michael Bakunin auf anarchistischen Wegen folgten, während die anderen aus Nikolaus Utins Mund die Worte von Karl Marx vernahmen. In die Streiterein mischten sich die französischen Kommunarden ein. Gespalten in Anarchisten in der Nachfolge von Proudhon und marxistischen Sozialisten trugen sie zur allgemeinen Kakophonie bei. Der Abscheu der friedlichen Bürger des Bundes war ihnen gewiss (zu all diesen Themen mag man den Genfer Historiker Marc Vuilleumier lesen).

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Neuerdings geht ein wunderbarer Film, "Pane e cioccolata" (Brot und Schokolade) von Franco Busati, den Wegen eines italienischen Einwanderers im Land des Kuckuks nach und führt dessen Schwierigkeiten, die Schweizer Gepflogenheiten zu lernen vor. Der Kandidat fürs "Helvetentum" arbeitet in der Hotelbranche und wird von dem ausgezeichneten Gian Maria Volonte verkörpert. Um besser akzeptiert zu werden geht er gar so weit, seine Haare fast phosphoriszierend blond zu färben. Der Soziologe und Politiker Jean Ziegler hat dem schwierigen Verhältnis der Einheimischen zu den Ausländern Bücher gewidmet. Von einem Werk zum anderen (darunter "Eine über jeden Verdacht erhabene Schweiz") zeigt er mit dem Finger auf die Zentren für Ausländer in denen man sie "Willkommen heißt". Ich hatte Gelegenheit mehrere dieser Zentren im Rahmen der Arbeit an einer 26-Minuten-Fernsehdokumentation zu besuchen. Eins hat mich besonders beeindruckt: eingezwängt zwischen einer Bundesstraße und einer Chemiefabrik wirkte es dennoch äußerst schweizerisch, das heißt es war unheimlich sauber, außen wie innen.

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Einer meiner Architektenfreunde lebt in Thonon-les-Bains und arbeitet regelmäßig auf der anderen Seite des Genfer Sees und der Grenze. Einmal hatte er sich auf der Schweizer Seite verirrt und fragte höflich einen an der Straße stehenden Unbekannten nach dem Weg. Der Mann, ein Rentner, schaut ihn an und sagt: "wenn mans nicht weiß, geht man eben nicht...", dreht sich um und lässt unseren Freund einfach stehen. Zu den neuerlichen Ereignissen notiert der Leitartikler der Tribune de Genève: "lange Zeit hat uns das Postkartenbild, das die Welt sich von uns machte, zum Lachen gebracht. Wir hatten mehr als nur Uhren, Berge, Banken und Schokolade... Hightech, bitte, glauben sie mir und das internationale Genf, die UNO, gute Dienste. Wir werden uns bemühen müssen, zu erklären, dass die Schweizer in ihrer großen Mehrheit keine Rassisten sind. Das ist weniger zum Lachen." Und die Präsidentin Calmy-Rey fasst die Lage in einem Euphemismus zusammen: "Im Ausland stoße ich auf Unverständnis".