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Es gibt Dinge, da schwört man sich, nie über sie zu sprechen, weil sie zu heiß sind, weil man als Kind erlebt hat, dass, wenn sie in der gedämpften Atmosphäre eines Wohnzimmers zur Sprache kamen, Türen zugeschlagen wurden, weil da die Geschichte ist, weil da meine Geschichte ist, weil man den Kopf in den Sand steckte... Und auf ein Mal klingelt das Handy, während du glücklich über einen Tag auf dem Land und im Wald im Zug sitzt und vor dich hin duselst: eine Freundin macht dich mit einem Schlag hellwach. Vorallem, wenn die, die da anruft, Mine Kirikkanat heißt, Türkin ist, Journalistin und als solche sich in ihrem Land wacker schlägt und dich jetzt nach deiner Meinung fragt...

Die Nachricht, die sie dir mitteilt ist, dass die Türkei, das traditionell tolerante und für Juden gastfreundliche Land, dabei ist, in den Antisemitismus abzugleiten und das auf höchstem Niveau: dies nämlich lassen Premier Erdogan’s Äußerungen in Davos über Gaza und gegen den israelischen Präsidenten befürchten... In der glatten, höflichen Umgebung des Davoser Forums, in der so überaus zivilisierten Schweizer Eidgenossenschaft, kommt es zu einem violenten verbalen Schlagabtausch der beiden Staatschefs.

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Shimon Perez, Friedenspreisträger und Verhandlungsführer der Osloverträge antwortet auf den Angriff des türkischen Premiers: "Und was würden Sie tun, wenn auf ihr Land jeden Tag Jerpost Raketen abgefeuert würden". Zum Beispiel aus Kurdistan, nicht wahr? Schließlich kennt man die harte Antwort der türkischen Regierung an diese unverbesserlichen Angreifer... Herr Erdogan erwidert daraufhin: "Du bist älter als ich und Du redest lautstark. Wenn Du derart laut wirst, heißt das doch, dass Du Dich schuldig fühlst. Ich werde nicht lauter, um Dir zu sagen, dass ihr es sehr gut versteht, Menschen zu töten. Ich weiß, wie ihr zuschlagt und Kinder am Strand tötet!" Dann steht er auf und verläßt, seine ganze Würde zur Schau tragend und nachdem er den alten Mann beleidigt hat, den Saal.

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Diese Geste billigen Heldentums verbreitet sich anschließend wie ein Lauffeuer. Im diesem verdammten Morgenland, dass nie Frieden kennen will, erheben sich die Massen, die Zeitungen begrüßen oder verdammen das Ereignis auf ihren Titelseiten, die Führer im Iran und die der Hamas grüßen ihr neues Idol, vergleichen ihn gar mit Sultan Mehmet II, genannt der Eroberer, oder mit Soliman dem Prächtigen und sie hätten fast das Ottomanische Reich wieder haben wollen... Soviel zum Schwarz-weiß-Denken, das in diesen Zeiten der extremen Vereinfachungen überhand nimmt. Aber lassen wir uns die Erleichterung durch andere Stimmen nicht nehmen, die sich in Istambul und Jerusalem hören lassen, während allerdings die Widersprüche einer Türkei, die verzweifelt zwischen dem Orient und dem Westen ihren Weg sucht, noch lange nicht gelöst sind.