JPEG - 294.1 kB

Diese Geschichte hat das Szenario sowohl von Jules Verne’s 20 000 Meilen unter dem Meeresspiegel als auch von Hergé’s "Der wunderbare Stern". Während die ganze Welt den Blick auf die eingestürzte Missisippibrücke und die Toten dort richtet, schicken drei französischsprachige Tageszeitungen, in Kanada, in der Schweiz und in Frankreich, ihre Schreiber in den Hohen Norden. Dort sind die Russen nämlich, ohne irgendjemanden zu fragen, unter die Arktis getaucht, bis in 4 km Tiefe, sind aus dem U-Boot ausgestiegen und haben eine Flagge aufgepflanzt, die zum Ausdruck bringen soll: "dies Land gehört uns"! Laure Mandeville erinnert uns im Figaro, dass Fjodor Dostojewski selbstbewusst behauptet hat: "Überall, wo Russen ihren Fuß hinsetzen wird das Land russisch..." Demnach also auch, wenn es 4261 Meter unter dem Wasserspiegel liegt...

JPEG - 22.9 kB

Selbstverständlich geht es um weit mehr als eine Kleinigkeit. Die Genfer Le Temps ruft uns ins Gedächtnis, dass das Land, welches beweisen könnte, dass der Kontinent ein Ausläufer seiner eigenen Territorien ist, auch über alle natürlichen Ressourcen verfügen könnte, die in diesen Tiefen liegen, als da wären zwischen 20 und 50 % der Gas- und Kohlenwasserstoffreserven der Zukunft, und damit könnte dieses Land leicht die Welt beherrschen. Russische Wissenschaftler hofften beweisen zu können, dass

GIF - 14.4 kB

die Meeresgründe, die unter dem Nordpol liegen, und als der Lomonossowgrat bekannt sind, ein geologischer Ausläufer Russlands sind, das deshalb zu Recht Ansprüche erheben könnte. Schon 2001 hatte Moskau einer UNO-Kommission entsprechende Forderungen vorgelegt. Die merkwürdige Bezeichnung "Lomonossowgrat" erfordert eine genauerer Erklärung: Michail Wassiljewitsch Lomonossow, geboren 1711 und gestorben 1765, war ein berühmter, in ganz Europa bekannter russischer Schriftsteller, Chemiker und Astronom und gilt als "Vater" der russischen Naturwissenschaften. Als die Oktoberrevolution die Wissenschaftler zu den neuen Helden unserer Zeit erhob, ging er ins sowjetische Pantheon ein und die berühmteste der Moskauer Universitäten erhielt seinen Namen. Ebenso alle möglichen Entdeckungen und eben auch dieser ominös-famose Unterwassergrat.

JPEG - 18.5 kB

Mehrere Länder streiten sich um das Gebiet. Ausser Russland erheben noch Norwegen, Dänemark und die Vereinigten Staaten Rechtsansprüche. Aber bis jetzt hat nur Kanada reagiert. Ironisch, meint Die Devoir de Montréal... "Wir sind nicht mehr im 15ten Jahrhundert. Man kann nicht mehr einfach irgendwo in der Welt seine Flagge aufpflanzen und sagen: "Wir beanspruchen dieses Land" hat der kanadische Aussenminister Peter MacKay von sich gegeben. Aber der Vizepräsident der Duma (das Unterhaus des Russischen Parlaments), Artur Tschilingarow, der Leiter der ganzen Operation, behauptet: "Die Arktik gehört uns, und wir müssen dort Präsenz zeigen. In diesen Tiefen den Grund zu berühren, das ist wie die ersten Schritte auf dem Mond..."

JPEG - 62.2 kB

Einen Tag später erfahren wir aus der Moskauer Tageszeitung Kommersant, dass die Fahne im Herzen der arktischen See vermutlich aus Metall besteht, damit sie der Erosision durch Wasser und Salz widersteht. Ein Foto verleiht der Nachricht Nachdruck. Aber vor Allem hat Moskau jetzt auf die Salve von Kritiken aus Nordamerika reagiert (die Vereinigten Staaten haben in der Tat - und ebenfalls in ironischem Tonfall - kundgetan, dass sie höchst unzufrieden sind) : der russische Aussenminister hat brav mittgeteilt , dass die Expedition keineswegs zum Ziel hatte, ein Gebiet abzustecken und damit einen neuen kalten Krieg zu provovozieren, sondern nur zeigen sollte, dass russische Technologie jetzt soweit ist, dass sie gegen die Verschutzung der Meere zum Einsatz kommen kann. Uff!