JPEG - 245.3 kB

Die Moskauer Tageszeitung Iswestja (Neuigkeiten) brachte in dieser Woche eine Reportage zu den Neureichen (die Russen haben den französischen Ausdruck Nuvorisch (nouveaux riches - die neuen Reichen) übernommen), die sich die "Taunchauss" (Townhouses), die (Garten-)Stadthäuser nach englischen Muster, mit Gärtchen, Balkon und drei Stockwerken aus den Händen reißen. Eigenheime ganz wie sie im Westen für die arbeitende Bevölkerung gebaut wurden und ganz sicher nicht für die Vermögenden. Die Zeitung berichtet, wie diese neuen "Dörfer" im Inneren der Hauptstadt zu unerwarteten Machtzentren geworden sind, wo eine luxurierende Klasse ohne mit der Wimper zu zucken eine halbe Million Dollar für Behausungen hinlegt, die woanders am unteren Ende der Skala liegen (die Immobilienpreise in Moskau haben längst diejenigen von Paris, Berlin oder New York eingeholt...)

JPEG - 52.7 kB

Der Bau, das Haus, seine innere Geographie haben in der russischen Geschichte oft eine wesentliche Rolle gespielt: in sowjetischen Zeiten fand sich die Dissidenz in den Küchen zusammen und wieviele Revolutionspläne wurden nicht im 19ten Jahrhundert in der Kommunalnaja geschmiedet, in jenen Wohngemeinschaften, in denen sich die Studenten aus dem verarmten Adel trafen. Das Wall Street Journal zitiert ein weiteres Beispiel. Sein Korrespondet Andrew Osborn recherchierte in Solowjewka am Ufer eines herrlichen Sees, an der Grenze zu Finnland, unweit von St. Petersburg.

JPEG - 19.5 kB

Solowjewka (benannt nach dem christlichen Philosophen Wladimir Solowjew (1853-1900))ist ein kleines grünes, wasserreiches Paradis: die vom Glück gesegneten Petersburger haben in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dort ihre Datschen gebaut, in ihrer Freizeit Kartoffeln und Gurken angebaut, und hatten vorallem direkten Zugang zu den sandigen Stränden des Komsomolskoje-Sees. Hier gab es keine sozialen Klassen mehr, alle sahen gleich aus, im Badeanzug oder mit der Angelrute in der Hand. Die Datscha, das kleine Holzhaus auf einem Stückchen Land, ähnlich den Schrebergärten, ist eine mehr als hundert Jahre alte Tradition. Zuerst von den Zaren gefördert, wurde sie von den sowjetischen Machthabern erst recht unter das Volk gebracht damit der gute Werktätige sich ausruhen und selbst anbauen konnte, was nicht immer auf dem Markt zu haben war.

JPEG - 275.6 kB

Es begab sich also im Jahr 1996, dass ein Feuer die Nachbardatscha von Irina Abramenkos Landhäuschen dahinraffte. Sie sah ihren praktisch nackten Nachbarn, wie er seine heranwachsende Tochter beruhigte. Der Mann kam aus der Sauna, gerade rechtzeitig, um noch sein im Haus gebliebenes Kind retten zu können. Irina erfasst mit schnellem Blick die Situation, organisiert Hilfe, nimmt die Unglücklichen bei sich auf und kleidet den Mann, dessen Haus in Schutt und Asche liegt. Ein schweigsamer Herr, Irina kennt in erster Linie seine Frau und von ihr hat sie gehört, dass er seit einiger Zeit ohne feste Anstellung sei und dass das auch der Grund für das Unglück gewesen sei, denn er verbringe seine Zeit mit Basteleien, offensichtlich nicht immer sehr geschickt. Wladimir Putin, denn um den handelt es sich, langweilt sich, seit er seinen Posten im St. Petersburger Rathaus verloren hat. Das kleine Haus wird nach der Zerstörung durch das Feuer genau wie vorher wieder auferstehen.

PNG - 64.9 kB

Heute weiß man nicht, ob die funkelnagelneue Datscha, fast ganz aus Stein, die an eben derselben Stelle steht, noch immer dem nackten Mann gehört, der zum allmächtigen Präsident der russischen Föderation aufgestiegen ist. Irina ist sich sicher, dass dem so ist, trotz aller Täuschungsmanöver und Tricks; auch andere Nachbarn, die wie David gegen Goliath nicht nur gegen den oberten Chef kämpfen, sondern gegen den ganzen Hofstaat, der sich die umliegenden Ländereien anzueignen sucht und der einen Staat im Staat darstellt. Da findet man jetzt Häuser, die nichts mehr zu tun haben mit den bescheidenen Datschen, Häuser mit Wandelgängen, Hubschrauberlandeplätzen und anderen Schrecklichkeiten von schlechtem Geschmack. Häuser von Oligarchen, mächtig wie die Direktoren von Gasprom oder von der russischen Nuklearindustrie, Vermögen aus dem Ölgeschäft oder der Brauereiindustrie, vereint in einem Klub, der sich delikaterweise "osero" (der See) nennt.

JPEG - 10.5 kB

Es hat nur ein paar Wochen gedauert und die Alteingesessenen sahen sich des Zugangs zum See beraubt, müssen kilometerlange Umwege machen, um nach Hause zu kommen, werden regelmäßig gemobbt, damit sie den Ort verlassen und ihren Besitz aufgeben. Verzweifelt suchen sie ihr Recht und ihre Würde vor den Gerichten. Ein wahrscheinlich von vornherein verlorener Kampf in Zeiten, in denen der Herr des Kreml am Vorabend der Parlaments- und Präsidentenwahlen seine Macht zu stärken sucht, und seine neuen Freunde von Solowjewka aus das Land unter sich aufteilen und zu allem bereit sind, um sich ihn zu halten.